Geschichten von Flucht und Hoffnung - Die Geschichte der Familie Naseri
- Daniel Dornhöfer
- 18. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Als damals 2015 der große Strom geflüchteter kam, dauerte es nicht lange, bis gegen die Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und teilweise ihr Leben riskierten, um hier nach Deutschland zu kommen, gehetzt wurde. Jeder hatte eine Meinung, hat irgendwas gehört, erlebt, gesehen, dies, das, Ananas. Ich denke viele von euch können sich an die wildesten Geschichten erinnern. Ich fand es für mich damals schwer, aufgrund der ganzen Aussagen und Meinungen, mir ein Bild von der Situation zu machen. Immer hatte ich das Gefühl, den Berichten nie wirklich trauen zu können. Da kam mir die Idee, mir einfach in Form eines Portrait-Projektes, mir ein eigenes, persönliches Bild von den Menschen zu machen, dies zu dokumentieren und mit den gesammelten Erfahrungen der geflüchteten Menschen, ein Buch zu veröffentlichen, unzensiert (mit Ausnahme von geänderten Namen etc. auf Wunsch der Personen), ungeschönt, 1 zu 1 die Stimmen der Menschen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben für sich und/oder ihren Kindern, nach Deutschland kamen.
Zusammen mit Katharina, einer befreundeten Juristin, die sich ebenfalls für Geflüchtete engagierte, haben wir von 2016 - 2019 über 40 Personen, aus unterschiedlichen Ländern & Kontinenten interviewt und portraitiert. Während Corona ist das Projekt leider im Sand verlaufen, bis ich Anfang diesen Jahres, das Projekt wieder aus dem langen Winterschlaf aufweckte und schon mal den ersten Draft des Manuskripts erstellte. Aber wie ich leider nun mal bin (und ich wünschte es wäre nicht so) verliere ich schnell wieder die Motivation für ein Projekt (Wahrscheinlich könnte ich voll der krass berühmte erfolgreiche Fotograf oder Filmemacher sein - aber ich muss ja mit einer Neurodivergenz geboren werden, die genau die Schwächen hat, die meine Stärken behindern...very sad...but anyway)
Aber wir leben in extremen Zeiten die von Tag zu Tag für viele Menschen in Deutschland bedrohlicher werden, vor allem für jene Menschen, die unter anderem genau wegen solchen Problemen ihre Heimat verlassen mussten und in ein Land kamen, von dem sie ausgingen, dass sie dort sicher sind und eine Zukunft haben. In Zeiten in denen es wichtiger denn je ist, Laut zu sein und ein Gegengewicht gegen die unzähligen Falschinformationen zu schaffen. Daher möchte ich dem Projekt hier in meinem Blog den Raum der Aufmerksamkeit zu geben, den es verdient, bis ich es schaffe, das Buch umzusetzen.
Daher möchte ich hier, mit der ersten Geschichte anfangen.
Dies ist die Geschichte der Familie Naseri.

Mein Name ist Sarifa Naseri, ich komme aus Afghanistan. Seit zwei Jahren sind meine große Tochter Atefa, meine kleine Khadeja und mein Mann hier in Deutschland. Früher haben wir direkt in Kabul gewohnt, mein Mann arbeitete dort als Elektriker. Ich habe zwar eine Ausbildung zur Schneiderin gemacht, bin dann aber Hausfrau geblieben. Durch den Krieg haben wir es dort irgendwann nicht mehr ausgehalten, denn gerade mit zwei kleinen Kindern war es zu schwer und gefährlich. Also mussten wir nach Deutschland. Unsere Flucht begannen wir im Auto. Doch der Weg war nicht einfach und sehr beschwerlich, vor allem für unsere kleinen Mädchen. Wir mussten zwei Tage in den Bergen ausharren, dort saßen wir in der Kälte und dem Schnee und mussten warten. Meine kleine Tochter hat immer geweint. Es war wirklich sehr schwer für sie. Einmal haben wir zwei Tote auf der Straße liegen gesehen.
Zuerst waren wir in einer kleinen Gruppe von 10 Leuten unterwegs, in den Bergen sind dann noch viele dazugekommen. Das war zwar sicherer für uns, aber es war trotzdem noch sehr schwierig und anstrengend. Und die Kälte war wirklich kaum zu ertragen. Meine restliche Familie habe ich in Afghanistan zurückgelassen, nur meine Eltern sind vor über 20 Jahren in den Iran geflohen. Damals habe ich noch bei ihnen gelebt, im Iran habe ich zwei Jahrzehnte meines Lebens verbracht. Doch mein Mann hatte keinen Ausweis und durfte dort nicht arbeiten. Irgendwann kam schließlich die Polizei zu ihm, um ihn abzuschieben. So musste auch ich zurück nach Afghanistan.Â
In Deutschland dürfte mein Mann zwar nun arbeiten. Aber ohne die Sprache oder das Alphabet zu beherrschen, wird er kaum eine Arbeit finden. Schon in Afghanistan wollte er die Landessprache nicht lernen. Wir streiten uns hier oft, weil mein Mann lieber zurück nachÂ
Afghanistan will. Aber dort ist es normal und Teil der Kultur, dass Frauen schlecht behandelt werden. Das will ich nicht für mich. Und für meine Kinder auch nicht. Hier kann ich arbeiten und machen was ich will. Das versteht mein Mann zwar schon, aber es ist ihm egal.
Atefa ist 7 Jahre alt und geht hier in die Schule. Khadeja ist vier und könnte in den Kindergarten gehen, aber ich finde einfach keinen Platz für sie.Â
Uns gefällt es zwar hier in Deutschland, aber es ist belastend, dass wir noch nicht wissen, ob wir hierbleiben dürfen. Ich habe so viele Versuche unternommen und die Sprache gelernt, jetzt brauche ich dringend eine Ausbildung. Aber wenn ich zurück nach Afghanistan müsste, dann weiß ich auch nicht was passiert…Â

Es ist klar, wenn viele verschiedene Völker in den Unterkünften leben, dass es da zu Streit kommt. Vor allem, wenn man sich Bad und Küche teilen muss. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich hier am liebsten eine Ausbildung zur Krankenschwester machen. Ich weiß zwar nicht, obÂ
ich das schaffen könnte, aber ich werde es auf jeden Fall versuchen. Allerdings ist es mit den beiden kleinen Kindern noch mal schwieriger. Ich mache jetzt gerade ein Praktikum im Dritteweltladen für sechs Monate, da merke ich es schon, dass das ein Problem ist, wenn ichÂ
sie nicht mitnehmen oder bei einer Freundin lassen kann. Für meine Kinder wünsche ich mir, dass sie hier viel lernen und so eine gute Zukunft haben können. Sie sollen Ärztin oder RichterinÂ
werden können. Sie brauchen eine gute Zukunft und dafür werde ich alles versuchen.Â
Meine Familie ist natürlich erleichtert, dass wir hier in Sicherheit sind. Aber sobald wir dauerhaft hierbleiben dürfen ist auch klar, dass wir uns nicht mehr sehen können. Immerhin können wir miteinander telefonieren.
